Erinnerungen an Wüsten

Ein Rückblick auf die Berlinale 2023. 

Heute vor einem Monat war der letzte Tag der 73. Berlinale. Ich sitze auf dem kleinen Balkon eines Hotelzimmers in der Nähe von Zagora im Süden Marokkos. Das Mittagsgebet hallt kratzig durch die Lautsprecher des Minaretts und wird von den umliegenden Bergen zurückgeworfen. Ich blicke auf die Hauptstraße und den dahinter liegenden riesigen Palmenhain, der sich entlang des Wadi Draa Flusses bis zu den angrenzenden Bergen und der dahinter liegenden Erg Chigaga Wüste erstreckt. Die Sonne scheint erbarmungslos auf die ausgetrocknete Landschaft - die Berlinale und dieser kalte Februar könnte sich nicht weiter entfernt anfühlen. Also was ist da noch in meinem Kopf von der diesjährigen Berlinale? Was hat sich da festgesetzt und will auch keinen Platz machen für die unglaubliche Landschaft, in der ich mich hier bewege? 

Da ist zum einen noch das nette Gespräch, das ich mit Fion Mutert, Mitglied der diesjährigen internationalen Jury der Sektion 14+, geführt habe. Vor über zehn Jahren waren wir uns schon einmal begegnet, als Fion in der Kinderjury und ich bei den Jungen Journalisten war. Und tatsächlich konnten wir uns beide noch an diese kurze Begegnung im UG des Haus der Kulturen der Welt erinnern. Beide sind wir schon lange Teil der Generation Familie. Fion studiert mittlerweile Kamera an der DFFB und hat unter anderem bei dem sehr zu empfehlenden Film „Nackte Tiere“ (Berlinale Encounters 2020) Kamera geführt. Dieses Jahr war Fion Mutert zusammen mit Kateryna Gornostai und Juanita Onzaga Teil der internationalen Jury bei Generation. In unserem Gespräch stellte ich mir vor allem die Frage, ob man als Jurymitglied einen Gewinnerfilm auswählt, den man selbst am tollsten findet, oder einen von dem man denkt, dass junge Menschen ihn toll finden und ihn sehen sollten. Fion antwortete darauf: 

Ich habe vor der Berlinale viel darüber nachgedacht, ob ich den Diskussionen die Haltung einnehme „ich als Fion möchte für diesen Film kämpfen“ oder „ich möchte für diesen Film kämpfen, weil ich ihn für ein junges Publikum relevant und wichtig finde“ und ich hab mich ziemlich doll für „ich als Fion finde diesen Film toll“ entschieden. Ich versuche so subjektiv wie möglich zu sein, weil für die Frage, was ein junges Publikum braucht, dafür gibt es die Kinder- und Jugendjury. Wir sind drei Filmmenschen, die auf Grund unserer Filmpraxis und unserer politischen Haltung dafür eingeladen wurden, unsere Meinung abzugeben und nicht dafür zu überlegen, was andere Leute sehen wollen. Das ist wohl eher die Frage des Kurations-Teams und ich verstehe wirklich bei jedem Film warum er im Programm ist. Und trotzdem finde ich manche scheiße und manche richtig geil (lacht). 

Außerdem sind mir die drei Filme im Kopf geblieben über die ich geschrieben habe: Zeevonk, Sica (14+) und Kiseye Berendj (Cross-Sektion Retrospektive). Über die ersten beiden Filme habe ich eine lyrische Filmkritik geschrieben und ich werde versuchen zum Abschluss der diesjährigen Berlinale rückblickend auf die von mir geschriebenen Gedichte zu reagieren. Als Reaktion auf die beiden Filme entstand also ein Gedicht, aus dem nun wieder ein Gedicht entsteht, aus dem zur nächsten Berlinale wieder ein Gedicht entstehen könnte, aus dem ein Gedicht entsteht, aus dem vielleicht einmal ein Poesiefilm entsteht, aus dem dann etwas ganz anderes entsteht. 

entstehen wüsten aus vom wind geharkten steinen 
oder durch das geräusch von brechenden wellen 
die auf klippen einschlagen? 
ein schriller ruf in die endlose verendung 
im echo klingt die immer wiederkehrende erzählung 
vom verlorenen vater, vom padre, vom pa 
mit dem konnte man gewellte wüsten bewandern 
ein einziger tiefer, vibrierender ton 
wird von den felswänden abgestoßen 
und von der endlichkeit der meereswüste aufgefangen

    
26.3.2023, Liv Thastum

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