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Flucht aus der Wirklichkeit


eine Kritik zu „The Magic Life of V

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„The Magic Life of V“ begleitet Veera mehrere Jahre lang auf dokumentarische Form in ihrem Leben. Während man in den ersten Minuten nur verwirrt dem Geschehen auf der Leinwand folgt, in dem Veera an einem Real-Life Rollenspiel teilnimmt, versucht Demonen zu vetreiben, durch steinige Burgkorridore streift und Zauberformeln murmelt, erschließen sich dem Zuschauer im Laufe des Filmes immer mehr Hintergründe und Handlungsstränge. Ihre durch einen alkoholkranken und gewalttätigen Vater, den sie seit 15 Jahren nicht gesehen hat, ziemlich schwere Kindheit, oder die innige Beziehung zu ihrem Bruder, dessen geistige Entwicklung durch hohes Fieber in seiner früher Kindheit verlangsamt wurde. Man bekommt Einblick in die Gefühle von Veera und ihre Versuche, ihre Vergangenheit zu verarbeiten.

Auch wenn das Thema des Filmes spannend und interessant ist, tut sich „The magic life of V“ schwer damit das Publikum einzufangen. Durch Sprünge in Zeit und Ort entsteht für den Zuschauer nur schwer ein roter Faden. Man sieht Veera zu Hause in Finnland, mal zusammen mit ihrem Bruder lebend, dann alleine; zwischendurch immer wieder bei Rollenspielen. Diese Sprünge, die für mich nur schwer einzuordnen sind, wirken verwirrend und haben zum Effekt, dass die Emotionalität des Filmes nur wenig durchdringt. Auch wenn Veera im Filmgeschehen viele wichtige Schritte geht, um ihre Vergangenheit zu verarbeiten, ist „The magic Life of V“ doch etwas eintönig und wirkt dadurch karg.

Interview with Xue Bai, director of
»Guo Chun Tian« (»The Crossing«)


Last Thursday, Sarah and I had the chance to meet Xue Bai, director and screenwriter of this year´s Generation 14plus contribution »Guo Chun Tian« (»The Crossing«) in her apartment.

Freie Generation Reporter: Miss Bai, you grew up in the border city Shenzhen.
How did you experience the divide of China and Hongkong when you were a child?
How did this maybe change over time?

Xue Bai: Good question. Actually, I was six years old when we moved to Shenzhen.
The city is very close to Hongkong. There is just one river in between. We speak the same language, we eat the same food, we drink the same water. As a child, I listened music, watched movies and saw TV programs from Hongkong.
So, for me there has always been a deeper connection instead of a divide.
In 1997, Hongkong became a special administrative region of China.
At that time I was 13 years old. The Chinese army came from Shenzhen to Hongkong to do that ceremony.
We as students would be sitting on the roads to attend the ceremony. That was a very special moment for me.

How did you experience the societal differences between Hongkong and Shenzhen? Hongkong will officially completely be a part of China again in a couple of decades. How did you experience those political tensions?
Xue Bai: I think that the ideology and the cultural as well as the political background is very different between the two cities.
But because all of us are speaking Cantonese, we still got some kind of connection with each other.
Hongkong used to be very powerful in economy and is kind of the financial center in Asia but in recent years the economical power of China is growing, so the difference actually changed in these years.
People´s feelings are changing as well. For example, when Chinese people went to Hongkong years ago they ate noodle soups that would be very expensive but today it´s just a noodle soup (laughs).

FGR: Why is it so lucrative to smuggle iPhones from Hongkong to China?

Eine Challenge für die Sehgewohnheiten

Eine Kritik zu "The Body Remembers When The World Broke Open"
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Áila verkörpert alles, was Rosie nicht ist: Sie ist schlank, weiß, privilegiert, wohnt in einem schönen Apartment und kann bestimmen, ob sie ein Kind bekommen möchte. Rosie indes, aus einem indigenen Volk Kanadas stammend, von ihrem Freund unterdrückt und misshandelt, verfügt über keinerlei Mittel, alleine zurecht zu kommen. Noch dazu ist sie hochschwanger. In „The Body Remembers When The World Broke Open“ kommt es zu einer Begegnung der besonderen Art zwischen diesen beiden Charakteren.
Als Áila Rosie auf der Straße entdeckt, barfuß, vollkommen verlassen und überfordert im Regen stehend, den Freund auf der anderen Seite der Straße wütend brüllend, nimmt Áila sie kurzerhand bei sich zuhause auf. Angelehnt an ein One-Cut-Format entfaltet sich der Film an einem Nachmittag auf authentische Weise und läuft dabei fast in Echtzeit ab. Die Unsicherheit und Ratlosigkeit auf Seiten Áilas, wie sie nun mit der Situation umgehen soll, werden zu Beginn präzise eingefangen, wodurch sich die ZuschauerInnen mit ihr identifizieren können. Gleichzeitig erfolgt die Charakterisierung Rosies, die äußerst antipathisch dargestellt wird. Den Umständen entsprechend wirkt sie ungebildet, ungepflegt und unansehnlich, redet nicht und versucht auch nicht, Áila auf irgendeine Art zu unterstützen, klaut ihr im Gegenteil bei erstbester Gelegenheit das Portemonnaie. Es fällt schwer, mit so einer Person umzugehen, mit der man sich in keinster Weise identifizieren kann, die noch dazu keinerlei westlichen Schönheitsidealen entspricht. Jedoch ist es genau dies, was den Film so realistisch und besonders macht.
Der weitere Verlauf des Films zeigt Möglichkeiten für Rosie auf, wie sie ihrer aktuellen Situation entfliehen kann. Dabei wird vermittelt, wie Frauenhäuser versuchen Mädchen oder Frauen in ähnlichen Positionen wie Rosie zu helfen, sie dabei jedoch unter keinerlei Druck setzen möchten, sondern die Vorteile aufzeigen, sie jedoch auch gehen lassen, falls sie sich entscheidet, in ihr gewalttätiges Umfeld zurückzukehren. Es ist frustrierend und ernüchternd, ihre Lage mitanzusehen. Auch wenn man die Antipathie nicht ganz ablegen kann, so lernt man mit der Zeit jedoch, Mitgefühl für sie zu entwickeln, wenn sie davon erzählt, wie der Freund sie so sehr schlägt, dass sie sich nicht mehr die Haare kämmen kann, da sie die Schmerzen nicht ertragen würde. Im anschließenden Publikumsgespräch verweisen die zwei Regisseurinnen auf den hohen Anteil der häuslichen Gewalt insbesondere bei indigenen Frauen und das noch höhere Risiko, das sie sich aussetzen würden, wenn sie ihren Partner verlassen würden. All dies macht auf die Ungerechtigkeit der Welt sowie die Misshandlung und Unterdrückung von Frauen, insbesondere nicht weißen Frauen, aufmerksam.
In dem Film hat die Regisseurin Elle-Máijá Tailfeathers eine persönliche Begegnung verarbeitet, spielt Áila sogar selbst. Alles wirkt äußerst authentisch, insbesondere das One-Cut-Format zeigt deutlich die Bedeutung dieses einen Nachmittags für sie. Und auch das Publikum wird nachdenklich gestimmt ob dieser Ungerechtigkeit und Aussichtslosigkeit der Situation. Der Film zeigt auf, dass man nicht immer helfen oder die Entscheidungen für jemand anderen treffen kann und gerade in solchen Gegebenheiten der Entschluss von der Leidtragenden letztendlich selbst kommen muss.
Ein Film, der mich sehr berührt hat, mich zwang, über die Antipathie hinwegzukommen, und mich mit einer Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit konfrontierte, die schwer zu ertragen ist. Äußerst sehenswert!

Sonntag, 17. Februar 2019, Sarah Gosten


»When will my life start to shine?« – Kritik zu »Beol-sae«

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Atmosphärisch und ergreifend, fein und edel. »Beol-sae« ist ein vollkommener Film.
Wenn ich mich an dieses Seheerlebnis zurückerinnere, bekomme ich immer noch Gänsehaut.
138 Minuten lang ist das Langfilmdebüt der südkoreanischen Regisseurin Kim Bo-ra.
Ich werde durch jeden Moment getragen. Es fühlt sich an, als würde ich schweben.

Uns wird die Geschichte von Eun-hee erzählt, die sich im Seoul des Jahres 1994 zurechtfinden muss.
Sie findet keinen Halt in der konservativen und aus heutiger Sicht moralisch verwahrlosten, missbrauchenden Familie oder bei den sie nicht verstehenden Schulkameraden und ihrer einzigen Freundin.
Eun-hee verliebt sich und wird enttäuscht. Sie wandelt durch das an ihr vorbeigehende Leben bis sie auf ihre neue Chinesischlehrerin Young-ji trifft, von der sie Aufmerksamkeit und Liebe bekommt und Inspiration findet.
Young-ji hat eine noble Seele. Sie geht ganz sachte und fein, fast schon erhaben mit der verunsicherten Eunhee um.
Die Interaktion der Beiden fühlt sich ganz besonders und einzigartig an.

Beol-sae | House of Hummingbird Generation 2019 KOR 2018 von: Kim Bo-ra Kim Sae-byuk, Park Ji-hu © Epiphany Films

Wenn ich Eun-hee in die Augen blicke, finde ich meine eigenen Unsicherheiten und Zweifel wieder.
Im anschließenden Q&A verstärkt mir die Regisseurin und Drehbuchautorin Kim Bo-ra den Eindruck eines sehr persönlichen, aber nicht weniger perfekt inszenierten Filmes.
Inspiriert wurde das autobiographische Bewegtbild von einem Albtraum der Regisseurin, in dem sie wieder zur Schule gehen musste. In der Gesellschaft, in der Eun-hee groß wird, geht es nur um Leistung und Vereinheitlichung.
Es fällt mir nicht schwer, ihr Gefühl der Einengung zu teilen.

Ein weiterer zentraler Bestandteil Bo-ras komplexen Werkes ist das Finden der eigenen sexuellen Identität.
Sie geht mit diesem Thema ganz sensibel und natürlich um und verfällt zu keinem Zeitpunkt in stereotypisiertes, plakatives Erzählen. Dinge passieren, ohne dass sie zwangsweise benannt werden müssen. Kim Bo-ra hat Kino verstanden.

Ich kann das Interview der Regisseurin mit dem »Teddy Award« - Team sehr empfehlen. Es spiegelt meine Seherfahrung wider und zeigt abermals, wie überaus durchdacht der Kopf hinter diesem großartigen Film ist.

Hier ist der Link.

15.02.2019, Vincent Edusei

Die rechte Szene auf der Berlinale Leinwand


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Synthetische Popmusik dröhnt in den Saal des Haus der Kulturen der Welt. Auf der Leinwand eine Gruppe von Mädchen, die tanzt und sich schminkt, dann „die coolen Jungs“, die über Motorräder reden und sich prügeln. Kiira und Lenni sind der Schnittpunkt der beiden Cliquen. Sie sind 15, ein Paar – und in 9 Monaten werden sie Eltern. Während die Geburt des Kindes immer näher rückt, spitzt die Situation sich zu. Konflikte entstehen. Kiiras naive Leichtigkeit verblasst. Sie erkennt die Probleme, die auf sie zukommen werden. Lenni ist mit der Situation überfordert und sucht Halt. Er findet sie in der rechtsextremen Gruppe der Nachbarschaft. So versucht der finnische Gewinnerfilm des gläsernen Bären 2019 „Hölmö Nuori Sydän“ (Stupid young heart) die Themen Teenagerschwangerschaft und wachsender Rechtsextremismus zu verbinden.




Zunächst bin ich etwas abgeschreckt von den Bildern auf der Leinwand. Die Charaktere wirken stereotypisch und flach. Ein Mädchen, dass sich stark schminkt, sexy tanzt und mit ihren Freundinnen über Instagram und Twitter redet. Die Jungs machen nur was mit Jungs. Die Mädchen nur mit Mädchen. An einigen Stellen fällt mir sogar ein Wechsel zwischen rosa und blauen Farbtönen auf, als das Bild von Kiira zu Lenni wechselt. Die poppige, synthetische Musik gefällt mir überhaupt nicht, aber sie spiegelt das Leben und die Art der beiden Teenager wieder. Aus diesem Grund freunde ich mich im Laufe des Filmes, gegen meinen persönlichen Musikgeschmack, mit dem Sound an – und dann überrascht mich „Hölmö Nuori Sydän“ mit einem dynamischen Wechsel. Je näher die Geburt des gemeinsamen Kindes rückt, desto mehr gewinnt der Film an Handlung und die Charaktere an Tiefe. Die anfänglich naive, oberflächliche Stimmung verfliegt. Gegen Ende springen die Szenen zwischen parallelen Handlungssträngen. Dadurch entsteht eine Dynamik und Spannung, die im Kontrast zum ersten Teil des Filmes steht. Die Ereignisse werden ernster, die Konflikte größer. Nun zeigt sich auch das Talent der jungen Schauspieler. So beeindruckt mich die Leistung der beiden jungen Menschen gegen Ende des Filmes. „Hölmö Nuori Sydän“ schafft es mich nach anfänglicher Skepsis zu fesseln und meine Kritik etwas zu relativieren.

"The fact that they survived is a huge hope by itself."

an interview with the team of "Reconstruction Utøya"

After the screening of „Reconstruction Utøya“ I was quite nervous about interviewing the team, because I was so deeply affected by the film, but I also had the feeling I really needed to get to talk about the film with the team. At half past five Liv and I entered the Berlinale Palast, were we would meet the director, Carl Javér, and Jenny and Torje, who did two of the reconstructions. We got warmly welcomed with a bottle of water and sat down to start.

You said producing the film took about four years. When and why did you get the idea to make such a film and why did it take so long?

Carl Javér: It started late in 2014, when the Shwedish Democrats, which is a right winged-party, had done its best election ever. I was thinking a lot about Utøya and the political background of it at this time, and wanted to find a way of telling the story without focusing on the terrorist, but on the survivors, who are the rightful owner of the history in my view. First I felt it was almost impossible to make a film about Utøya, but when I got the idea of the method I used I had the feeling that it was possible. So I contacted the support group of Utøya and told them about the project, and I was allowed to send a letter to the close facebook group of the survivors. I told about the reconstruction I planned to make and asked for people who maybe wanted to be part of it. A few answered, Jenny was one of them.

Der Löwe

In dem Film „Anbessa“ geht es um einen kleinen Jungen namens Asalif, der mit seiner Mutter in Äthiopien in einer kleinen Hütte lebt. Asalif ist einer kleiner, verspielter junge mit viel Fantasie und einem großem Herz. In dem schönen Dorf, in dem er früher gelebt hat, wurden viele Hochhäuser gebaut. Deshalb wurden Asalif und seine Mutter umgesiedelt. Der Film zeigt welche Folgen es hat, wenn man so schnell in eine Stadt eingreift. Der kleine Asalif bastelt gerne mit Kabeln, die er auf der Müllheide gefunden hat, weil es in seiner Hütte nur den Strom gibt, den er selber baut.

Mich berührt die Stelle an der Asalif zu seinem neuen Freund geht, um ihm seinen neuen selbstgemachten Hubschrauber zu zeigen. Der Freund wohnt in einem von den neuen Häusern mit richtigem Strom und Fernseher. Asalif zeigt voller Stolz seinen selbstgebauten Hubschrauber, doch der junge bemerkt schnell, dass der ja gar nicht richtig fliegen kann. Der Freund sagt, dass er einen Hubschrauber mit Fernbedienung bekommt, der dann wirklich fliegen kann. Das macht Asalif sehr traurig. In der nähe streifen Hyänen herum. Asalif träumt oft, dass er ein starker Löwe ist.
Für mich ist etwas unklar ob nach einem Drehbuch gespielt wird, oder einfach das Leben gefilmt wird (also ohne Drehbuch). Es wird nah an Asalif ran gefilmt so das man ihm gut folgen kann und sich in seine Situation einfühlt. An manchen Stellen fand ich den Film etwas langweilig, da nicht wirklich viel passiert ist. Außerdem fand ich das Ende des Filmes nicht ganz verständlich. Für mich ist eigentlich das gefühlte Ende an der Stelle, wo Asalif ein Löwe ist (spielt). Aber im Großen und Ganzen fand ich den Film sehr schön.


15.02.19,  Anna-Farida Erdenreich

Aus dem Schlimmen Gutes ziehen


eine Kritik zu „Rekonstruktion Utøya"

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Rakel fährt sich nervös durch die Haare, als die dumpfen Schläge auf das Metalls durch den Raum schallen. Es hört sich beinahe an wie Schüsse.

„Rekonstruktion Utøya“ gibt uns einen Einblick in die Gedankenwelt von vier Überlebenden des Attentats auf der norwegischen Insel Utøya am 22. Juli 2011. Mit einer Gruppe von Jugendlichen stellt jeder von ihnen ihre persönlichen Erinnerungen an den Tag nach, durch Markierungen auf dem Boden rekonstruieren sie Häuser, Fluchtwege oder Plätze, an denen sie sich versteckt haben.

Es ist fast unbeschreiblich, wie es Regisseur Carl Javér mit seinem Film schafft das Publikum mitzunehmen und die Gefühle, die die Überlebenden und die Jugendlichen bei der Rekonstruktion durchleben, aufzufangen. Durch unglaublich präzise Kameraführung wird die Mimik der Teilnehmenden so stark eingefangen, dass ich fast das Gefühl habe dabei zu sein.


Man kann miterleben, wie die Gruppe Jugendlicher von einer zur nächsten Rekonstruktion immer emotionaler wird. Sie spielen die selben Minuten vier Mal nach, aber aus vier komplett unterschiedlichen Perspektiven, vier ganz unterschiedliche Geschichten. In der Presse war nach dem Attentat immer nur von 69 Todesopfern zu lesen, aber erst in diesem Moment realisiere ich wirklich, wie viele Jugendliche am 22. Juli die Geschehnisse miterlebten, und wie viele individuelle Geschichten es gegeben haben muss.

Zwischen zwei Städten

Eine Kritik zu Guo Chun Tian.
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Ständig unterwegs zwischen der einen oder anderen Seite. Zwischen Shenzen und Hong Kong. Mit der Familie in Shenzen, der Schule und den Freunden jedoch in Hong Kong muss Peipei jeden Tag über die Grenze, ist dabei ständig unterwegs, gehört aber nirgendwo richtig hin. Der Versuch den Erwartungen der deutlich wohlhabenderen Freundin gerecht zu werden, gepaart mit einer gleichzeitigen Neugier lässt sie aus einer einmaligen Möglichkeit das lukrative Schmuggeln von iPhones aus Hong Kong, seit Rückgabe an die Chinesische Republik eine steuerlose Sonderverwaltungszone, nach Shenzen für sich entdecken. Hier findet sie ihre neue Familie, fühlt sich wohl, hat Spaß, wird dabei jedoch auch immer weiter in den Sog der Gesetzesverstöße gezogen.
Elektronische Musik mit einem starken Beat begleitet sie auf ihrem Weg. Grelle Neonlichter der beiden Städte prägen die Aufnahmen. Man erhält kleine Einblicke in ihr Schulleben, ihre ersten Ausbrüche elterlicher Regeln beim Schulschwänzen und die Differenzen zum Leben der reichen Freundin, die unbedingt nach Japan reisen möchte, um echten Schnee zu sehen und für die die Frage der Finanzierung keinerlei Rolle spielt.

All dies ist unterhaltsam gestaltet, bleibt jedoch auch sehr an der Oberfläche. Viele Themen werden angeschnitten, wie beispielsweise das Studieren im Ausland und die entsprechende Ungleichheit, wenn dem Sohn dies ermöglicht wird, der Tochter jedoch nicht. Dem Thema wird jedoch kaum Raum geboten, intensiver erforscht zu werden. So wird recht unvermittelt auch eine kleine Romanze eingeführt, die mir etwas erzwungen, unpassend, erscheint. Dabei möchte ich nicht sagen, dass alle Themen immer bis ins Tiefste beleuchtet werden müssen. In manchen Fällen wäre die Ausleuchtung eines anderen Themas auch zu viel und überwältigend und das ledigliche Anschneiden demnach kunstvoll eingesetzt. In diesem Film erscheint es mir jedoch zu gewollt.
Leider werden auch die Differenzen zwischen Shenzen und Hong Kong kaum tiefergehend beleuchtet. Insbesondere die Identitätsspaltungen von Personen, die sowohl in Shenzen als auch in Hong Kong leben oder arbeiten, aber in beiden Städten nicht richtig ankommen, interessierte mich im Vorhinein. Auch über die allgemeinen Unterschiede hätte ich als Außenstehende gerne mehr erfahren. Mit diesem Thema wird sich jedoch nicht tiefer auseinandergesetzt. Im Gegenteil wird recht viel vorausgesetzt, sodass ich mich an manchen Stellen frage, ob mir nicht vielleicht doch der Hintergrund fehlt, um tiefergehende Aspekte des Films zu durchschauen.
Alles in allem also ist „Guo Chun Tian“ ein unterhaltsamer Film, der mich durch seinen Mangel an Tiefe jedoch nicht ganz überzeugen kann.

Do., 14.02.2019, Sarah Gosten


Can you feel the vibe? – Kritik zu »Ringside«

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Ein deutscher Regisseur macht einen Film über US-amerikanische Boxer. Was kann dabei nur herauskommen?

Richtig! Einer der besten Sportfilme, den ich je gesehen habe!

»Ringside« ist eine Dokumentation, nichts an Darstellung und Inhalt ist gestellt oder nachträglich verändert worden.
Dieser Film verdeutlicht, dass das Leben die besten Geschichten schreibt.
Er bringt die Haut zum Kribbeln und lässt Tränen fließen.

Wir begleiten die angehenden Boxer Kenneth »Bossman« Sims Jr. und Destyne Butler Jr. Beide wollen Boxer werden.
Ihr Traum ist es, bei den Olympischen Spielen zu siegen und damit eine erfolgreiche Profikarriere zu beginnen.
Doch müssen sie enorme Widrigkeiten überwinden, mit dem Ziel, ihre Träume zu verwirklichen.

Ringside | Im Ring Generation 2019 DEU/USA 2019 von: André Hörmann © Tom Bergmann

Eine essentielle Rolle in ihrem Leben spielen ihre Väter, ohne die sie persönlich und beruflich aufgeschmissen wären.
Um diese Vater-Sohn-Bindungen geht es in André Hörmanns Film, dessen Entstehung über neun Jahre gedauert hat.
Im Mittelpunkt steht zudem das Leben in der »South Side«, dem gefährlichsten Viertel Chicagos, in dem beide Protagonisten aufwachsen. Diese Widrigkeiten zu überwinden und aus dem Problembezirk zu entkommen, ist einer der Gründe, warum die beiden Jungen nicht aufhören zu kämpfen.

Kenneth und Destyne kennen keine Pausen, der Film tut es ihnen gleich.
Die Kamera verfolgt die beiden Ausnahmetalente förmlich. »Ringside« wird gefüttert von stimmungsvollen Beats, alten Originalaufnahmen, den klaren und markanten Aussagen beider Athleten und ihrer Vertrauten sowie den herrlichen Stimmen von Sportkommentatoren oder Bootcamp-Drill-Sargents.

Heraus kommt ein prallgefüllter, pulsierender, unglaublich kraftvoller Film, den man auf keinen Fall verpassen sollte.

14.02.2019, Vincent Edusei