"God messed up something when he formed me"

- Kritik zu Karera ga honki de amu toki wa

Immer am letzten Sonntag der Berlinale – dem Berlinale-Tag – werden in der Sektion Generation Cross-Section Filme gezeigt. Also Filme, die eigentlich aus einer anderen Berlinale Sektion stammen, aber auch zu Generation passen.

Karera ga honki de amu toki wa ist eigentlich ein Panorama-Film und erzählt die Geschichte von dem elfjährigen Mädchen Tomo. Da ihre Mutter sich nicht um sie sorgt und oft einfach für Tage verschwindet, kommt Tomo bei ihrem Onkel und seiner Freundin Rinko unter, welche liebevoll wie eine eigene Mutter Tomo umsorgt, ihre Haare kämmt und ihr Bento-Boxen zubereitet. Als Tomo herausfindet, dass Rinko als Mann geboren wurde und sich später einer Geschlechtsumwandlung unterzog, ist sie zwar anfangs verwirrt, lernt aber schnell, dass das nichts weiter zu bedeuten hat und für eine Familienkonstellation irrelevant ist. "Karera ga honki de amu toki wa" führt den Zuschauer die Welt eines Transsexuellen und zeigt, wieso eine Familie nur durch Liebe definiert wird, behandelt aber auch die Probleme und Schwierigkeiten, auf die man bei diesem Thema in der Gesellschaft stoßen kann.

Durch die Sichtweise eines Kindes bekommen wir die Werte einer funktionierenden Familie vermittelt. So steht die Anfangssituation Tomos, in der sie auf sich alleine gestellt ist und niemanden hat, der sich um sie sorgt, im Kontrast zu der Situation bei ihrem Onkel und Rinko. Hier wird Tomo versorgt und sie hat erstmals das Gefühl, etwas Wert zu sein und geliebt zu werden. Rinko bringt ihr außerdem bei, wie man mit negativen Reaktionen zu ihrer Transsexualität umgeht, denn im Laufe des Filmes bekommt auch Tomo diese mehrmals zu spüren. So schockiert der Film auch in mancherlei Hinsicht und zeigt, wie oft Transsexuelle immer noch nicht toleriert werden und wie viele auf den "klassischen" Familienzusammensetzungen beharren und dabei völlig außer Acht lassen, ob genug Fürsorge vorhanden ist.

Durch das Ende des Filmes, was mich persönlich etwas überrascht hat, wird zusätzlich noch der Konflikt von wahrer Familie wieder aufgegriffen, was den Film sehr realistisch macht.

Als Panorama und auch Generations Film hat mir "Karera ga honki de amu toki wa" wirklich gut gefallen und mich überzeugt, denn er behandelt ein Thema, über das vielleicht immer noch nicht genug aufgeklärt wurde und so wichtig ist. Er vermittelt seine Botschaft – das Familien auch funktionieren können, wenn sie nicht "klassisch" sind – deutlich und durch eine schön erzählte Geschichte. Gerade deshalb finde ich es toll, dass der Film auch in der Sektion Generation gezeigt wurde, weil es meiner Meinung nach wichtig es, dass auch junge Leute über das Thema aufgeklärt werden und mögliche vorhandene Vorurteile gelöst werden.

21.02.17, Clara Bahrs

Alles ist Teil der Natur - auch wir selbst


- eine Kritik zu Uilenbal -

Frisch in eine neue Stadt umgezogen versucht Meral neue Freunde zu finden und sich einzuleben. Beim Erkunden ihres neuen Zimmers findet sie ein Mäuseloch und kurz darauf auch die dazugehörige Maus, die sie schnell ins Herz schließt. Als ihre Mutter Mäusekot entdeckt, während sie Meral für die Abreise in ein Schulcamp weckt und Merals Vater bittet, Mäusegift mitzubringen, fasst diese kurzerhand einen Entschluss und nimmt "Peep-peep" - wie sie die Maus immer nennt - unbemerkt mit, um sie vor dem Tod zu retten. Im Camp versuchen Meral und ein paar andere Kinder, die von "Peep-Peep" mitbekommen haben, alles dafür zu tun, dass die Maus von keinem entdeckt wird und begeben sich dadurch selbst auf ein spannendes Abenteuer.

Durch Jason, der viel über Natur und Tiere weiß, und dem Beschäftigen mit der Maus lernen Meral und die anderen viel über die Gesetze und den Kreislauf der Natur und auch durch traurige Erkenntnisse lernen sie über wahre Freundschaft und finden zueinander.

Der Film ist leicht und niedlich gemacht, und hat viele lustige und schöne Momente, die Groß und Klein zum Lachen bringen. Zwischendurch kommen immer wieder einmal Musical-ähnliche Stellen, was den Film auflockert und ihn sehr schön anzusehen macht. Dennoch gibt es auch Spannungsmomente, in denen das Publikum mit den Charakteren mitfiebern kann und vor allem die jüngeren Kinder den Film teilweise mit Angst und Spannung verfolgen.

So ist Uilenbal ein sehr süßer Film, der von Freundschaft und neuen Erfahrungen erzählt und gleichzeitig die Vorgänge der Natur den Kindern im Publikum nahebringt.

19.02.17, Clara Bahrs

Why do you wanna join the Army?


Mein letzter Film am Sonntagmorgen hieß „Soldado“; eine Dokumentation über das Leben eines Soldaten in Argentinien. Der 18-jährige Juan entscheidet sich mehr oder weniger aus Zwang dazu, in die Armee einzutreten und sein späteres Leben dort zu verbringen.
Warum er das tut? Das kann er eigentlich gar nicht richtig beantworten, er stammelt etwas von „zu Gunsten meiner Mutter“ und „um einen Vollzeitjob zu haben“. Eine wahre Überzeugung von Herzensblut schwingt dabei allerdings nicht mit.

Juan findet sich schnell mit der Situation ab, er erledigt seine Aufgaben tüchtig. Ihm wird der Job als Trommler zugesprochen, der eine sehr wichtige Funktion in dem Leben des Militärs spielt. Unter der Verwendung von Trommel-Cues wird einer Tradition nachgegangen. Außerdem sind sie die Signale für bestimme Zeiten, Aktionen oder elementar bei festlichen Märschen.

„Soldado“ ist eine sehr angenehme Dokumentation, die gleichzeitig erfrischend wirkt. Durch eine ruhige, fokussierte Kameraführung wird die Monotonie realistisch auf den Zuschauer übertragen. Die Bilder sind meist in grau-blau gehalten und mit prägenden Geräuschen untermalt. Alle Sounds, die abgespielt wurden, sind vor Ort aufgenommen worden, wie z.B. das charakteristische Getrappel der Soldaten, die lauten auffordernden Rufe der Offiziere oder die Marschmusik. Da in diesem Film viel Wert auf die Geräuschkulisse gelegt wurde, ist fast keine normale Filmmusik zu hören.

Faszinierend finde ich die Wahl der Perspektiven, denn der Regisseur Manuel Abramovich fängt Momente in unerwartenden Ausschnitten auf. Er hält die Kamera nicht auf die Person, die gerade spricht, sondern filmt über den Hinterkopf des Protagonisten und lässt den gerade Agierenden unscharf. Besonders eine Szene, die mir in Erinnerung geblieben ist, zeigt nur die Spitze eines Stabes, (den die Soldaten bei offiziellen Anlässen tragen), die immer auf und ab wippt, weil einer aus dem Militär damit Kunststücke vollführt.
Dadurch bekam ich das Gefühl intensiver dabei zu sein und die Sicht von Juan besser nachzuvollziehen.
Im anschließenden Publikumsgespräch erklärt der Regisseur, dass er die Soldatenformationen auf dem Trainingsplatz teilweise so wie ein Ballett aussehen lassen wollte. Er wollte der Dokumentation somit auch etwas Tänzerisches verleihen.

„Soldado“ ist ein sehr schlicht gehaltener Film, er soll nur das Leben eines argentinischen Soldaten zeigen. Es gibt auffallend wenig Dialoge, wodurch man fast keine Emotionen spüren kann. Doch genau das war wahrscheinlich das Ziel, Soldaten sollen keine Gefühle zeigen, sind jedoch trotzdem Menschen. Auch sie trauern und bilden eine enge Gemeinschaft. Denn ich finde, dass das Wort „Soldat“ mittlerweile schon so abstrahiert ist, dass man es sohar als Synonym für verkrampfte Steifheit und Emotionslosigkeit zuspricht.
Hierbei gefehlt haben mir trotzdem das drastische Aufzeigen der negativen Seiten des Lebens von einem, der sich dazu verpflichtet, für sein Land in den Krieg zu ziehen. Ich persönlich neige sogar dazu zu behaupten, dass diese Lebensweise ein wenig verherrlicht wurde.

Nichts desto Trotz ist dieser Film interessant anzusehen, um einen kleinen Einblick in diese Welt zu bekommen. Für Zuschauer, die viel Action erwarten, ist „Soldado“ wiederum nicht geeignet.
19.02.17, Eva Swiderski

"Mach' keine Probleme, sonst hab' ich dich nicht mehr lieb"


Piata Lod ist ein Film über Verantwortung. Jeder Mensch hat bestimmte Verantwortungen gegenüber einer gewissen Person oder einer gewissen Sache. Manche Verantwortungen sind von Natur aus gegeben, andere entwickeln sich spontan. So hat auch jede Mutter die Verantwortung gegenüber ihrem Kind, es zu beschützen, es großzuziehen, seine Bedürfnisse zu stillen und ihm liebevoll mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Doch all diese Bedürfnisse, die ein Kind nun einmal hat, werden von Jarkas Mutter Lucia entweder ignoriert oder vernachlässigt. Mit dem Tod ihrer Großmutter, verliert Jarka ihren letzten familiären Anhaltspunkt, um Liebe und Geborgenheit zu erfahren. Zusammen mit ihrem Freund Kristian und zwei verstoßenen Babys, beginnt sie ein neues Leben im verlassenen Garten ihrer Großmutter und verliert sich immer mehr in der Vorstellung, eine eigene Familie erschaffen zu haben. Sie lassen ihre alte Welt hinter sich und bauen sich eine neue, verwunschene Realität auf, in der sie eine verantwortungsvolle Elternrolle übernehmen.

Ein Detail, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war das Kinderlachen der beiden Protagonisten. Immer, wenn sie eine Hürde überstanden hatten oder sich einfach nur unglaublich glücklich in ihrer kleinen, eigenen Welt fühlten, spielten sie vergnügt miteinander und lachten auf eine unbeschwerte Weise, wie es nur Kinder können. An manchen Stellen war es unglaublich schwer mitanzusehen, wie sehr sich ein Kind nach der Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit seiner Mutter sehnt und wie Jarka all dies von ihrer Mutter verwehrt blieb.

Piata Lod verfolgt eine seltsam verdrehte Mutter-Kind-Beziehung. Ob Großmutter und Mutter, Mutter und Kind oder Kind und Baby - jegliche standardisierte Rollenverhältnisse werden aufgehoben und verdreht. Eine Geschichte, die einen nachdenklich macht und ermahnt, sich seiner Verantwortung gegenüber einem anderen Lebewesen bewusst zu sein.

18.02.2017, Vivien Krüger

Die Verbindung von Musik und Film


Plot, schauspielerische Darbietung, Kameraführung, Schnitt... es gibt Unmengen an Mitteln und Aspekte, die man bedenken muss wenn man einen Film macht. Ein unglaublich wichtiges Mittel ist die Wahl der Musik. Musik löst Emotionen in uns aus und kann unseren Blickpunkt auf eine Ereignis stark beeinflussen.

Schon in den Anfängen der Filmgeschichte, zur Stummfilmzeit wurde Filmmusik verwendet. Zum einen um das Rattern des Filmprojektors zu übertönen und um die Stille zu füllen, aber auch schon damals wusste man von der unterstützenden Wirkung von Musik beim erzählen einer Geschichte. Als Begleitmusik wurden zunächst bereits bekannte Musikstücke aus Opern und Operetten verwendet. Zu Beginn begleiteten nur einzelne Pianisten, Geiger oder Flötisten die Stummfilme. Aber schnell begann man auch größere Orchester einzusetzen.

In der Filmmusik unterscheidet zwischen drei verschiedenen Techniken. Bei der Leitmotiv-Technik werden Personen, Gegenstände der Handlung oder Erzählstränge musikalisch repräsentiert. Wichtigen Charakteren werden zum Beispiel bestimmte Leitmotive (eine kurze Melodie oder musikalische Idee) zugeordnet, die in die Gesamtkomposition eingebaut werden. Dadurch können Vorahnungen oder Situationsveränderungen vermittelt werden. Die zweite Technik - das Underscoring ist eine Kompositionstechnik, die die auf der Leinwand dargestellten Geschehnisse und Gefühle annähernd synchron nachvollzieht. Dadurch entsteht ein lustiges Gesamtbild. Diese Technik kennen wir besonders aus Zeichentrickfilmen. Bei der heutzutage am häufigsten verwendeten Mood-Technik werden Filmsequenzen mit musikalischen Stimmungsbildern unterlegt. So kann einen bestimmt Stimmung und Gefühlssituation erreicht werden.

Die Musik im diesjährigen Berlinale Generation Programm war sehr breitgefächert. Vom Maorischen Lied „Poi E“, das dem Zuschauer nicht mehr aus dem Kopf geht, bis hin zur erdrückenden Orgelmusik im diesjährigen Gewinnerfilm „Butterfly Kisses“. Als ich den Film gestern zum zweiten mal sah fand ich übrigens die Musik überzeugender, als beim ersten Sehen. Obwohl der 14+ Eröffnungsfilm „On the road“ auf wenig positives Feedback stieß, fand ich die Musik der Band Wolf Alice nicht schlecht. Auch im kanadischen Film „Ceux qui font les révolutions à moniié n'ont fait que se creuser un tombeau“ wurde die Musik in den Vordergrund gerückt. Durch den mutigen beginn des Filmes mit einer schwarzen Leinwand und nur der Musik eines Orchesters, hat der Gewinner der lobenden Erwähnung von der erster Sekunde provoziert. Kinderfilme, die erfolgreich mit eher typischer Filmmusik arbeiteten waren Filme wie „Amelie rennt“ und „Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper“. Auch die Country-Musik in „Red Dog true Blue“ stieß auf Zustimmung.

Die Kurzfilme hatten auch einiges zu bieten. „White riot: London“ erzählt wie die Londoner Jugendproteste der 70er Jahren gegen Nazis durch Rock und Punk Musik angetrieben wurden. Auch mit einer lobenden Erwähnung geehrt wurde der Kurzfilm “Into the blue“, der sich durch untermalende Musik und intensive Tonaufnahmen, der im Wasser eintauchenden Körper auszeichnet. Doch manchmal wirkt es um so überwältigender ohne Musik zu arbeiten. Der Kurfilm „Sirens“ schaffte es durch seine Einfachheit und Stille zu tief zu Berühren. 


Alles im Allem hat das Berlinale-Publikum dieses Jahr sehr unterschiedliche Musikgenren und einen abwechslungsreichen Einsatz der Musik erlebt. Ein riesiges Lob für diese komplexe Auswahl!
18.02.17, Liv Thastum

Preisverleihung 14+

Im Saal wird es dunkel, die Berlinalemusik ertönt, Liv und ich singen leise mit und malen unsichtbare Bilder im Takt der Musik in die Luft. Wir alle sind sowohl freudig aufgeregt als auch traurig über das Ende der diesjährigen 14Plus Berlinale, das natürlich wieder viel zu schnell kam. Ein bittersüßes Gefühl, das für den Moment durch das Adrenalin beiseite gedrängt wird. Welche Filme werden in wenigen Minuten die acht Auszeichnungen tragen?

Maryanne und Tobi eröffnen die Preisverleihung wie jedes Jahr - die eine ruhig und gefasst, der andere im Vergleich dazu aufgeregt, nervös. Beide sind sie charmant. Beide sind sie über die Maßen glücklich. Eine Stimmung, die sich sofort auf das Publikum überträgt. Spätestens, als Tobi seine Erleuchtung des Abends hat, den Ausdruck „lit af“ als „lit as fuck“ erkennt und die letzten beiden Worte wie ein Kind ins Mikrofon ruft, ist die gespannte Menge komplett losgelöst und muss sich lachend den Bauch halten. Der Funke ist übergesprungen. Noch eine Weile begleitet uns der vom Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, eingeführte Ausdruck.

Wie schon bei der Eröffnung sorgt die Internationale Jury bei den Gruppenfotos für viele lustige Motive, ehe sie sich dem etwas ernsteren Teil des Abends widmet. Für uns stellt das Erraten der Preisträger anhand der vorgelesenen Beschreibungen mitunter den größten Spaß an den Preisverleihungen dar. Anders geht es uns auch dieses Mal nicht, als wir gespannt den Worten der Jury lauschen. Doch beide Kurzfilme, die sie küren, stammen aus der Kurzfilmrolle 2. Sowohl Into the Blue (Lobende Erwähnung) als auch The Jungle Knows You Better Than You Do (Geldpreis) werde ich selbst also erst Morgen zu Gesicht bekommen.
Mit ihrer Langfilmauswahl sind Sarah, Liv und ich, die wir wie auf heißen Kohlen alle nebeneinander sitzen, vollauf zufrieden. Ben Niao (Lobende Erwähnung) verdient seine Anerkennung als authentische Darstellung des chinesischen Landlebens und bei den Machern von Shkola Nomer 3 (Geldpreis) sind die 7.500 € der BPB wunderbar aufgehoben, um noch mehr Filme dieser berührenden und aufrüttelnden Art zu ermöglichen.

Als die Jugendjury ihre einleitenden Worte spricht, fühlen wir uns sofort angesprochen. Sie bezeichnet sich selbst als „liebevolle Zweckgemeinschaft“ und das trifft es auch bei uns genau auf den Kopf. Auch wenn wir mittlerweile schon fast wie eine kleine Berlinalefamilie sind, so waren unsere Anfangsjahre doch von genau diesem Gefühl geprägt und getrieben.
Letztendlich kann uns die diesjährige Jugendjury auch mit allen vier Preisentscheidungen überzeugen. Der durchaus verstörende Kurzfilm Snip (Lobende Erwähnung) verdient seine Auszeichnung für die ihm innewohnende Aufklärungsarbeit über den kanadischen Kulturgenozid; Wolfe (Gläserner Bär) hat mich bereits bei meinem ersten Screening vollkommen überzeugt und ich freue mich sofort, ihn noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen.
Mit der Lobenden Erwähnung für Ceux qui font… ehrt die Jury in meinen Augen den Mut, sich künstlerisch so vollkommen frei zu entfalten und einen Film abseits jeglicher Norm zu drehen. Für diese Entscheidung verdient sie meinen größten Respekt.
Kaum haben die beiden Jurymitglieder ihre Beschreibung des Gewinnerfilms begonnen, nicken Liv und ich uns auch schon wissend zu: Butterfly Kisses. Wir hatten bereits von Anfang an die Vermutung gehegt, dass es dieser Film am Ende sein könnte, und waren uns seit einigen Tagen sehr sicher gewesen.

Während Maryanne sich auf der Bühne vom Publikum verabschiedet und uns viel Spaß bei den Vorstellungen wünscht, unterhalten wir uns über die diesjährigen Auszeichnungen - und stellen fest, dass wir zufriedener kaum sein könnten. Viele unserer Vermutungen und Hoffnungen haben sich bestätigt. Es wurden endlich wieder acht verschiedene Filme ausgezeichnet, wie es im Idealfall geschieht. Und die Gewinnerfilme sind tatsächlich welche, die man sich gerne noch einmal ansieht, statt wie in den letzten Jahren im Falle eines wiederholten Screenings eher den Saal zu verlassen, weil sie noch vom ersten Screening zu schwer im Magen liegen, als dass man sich noch ein weiteres Mal mit ihnen auseinandersetzen könnte.

Wir lehnen uns also entspannt zurück, lassen Wolfe und Butterfly Kisses ein weiteres Mal auf uns wirken und können dabei auf die kleinen Details achten, die uns beim ersten Sichten entfallen sind.
Eine gelungene Preisverleihung, würdige Gewinner und eine wundervolle Atmosphäre für den Abschluss der diesjährigen Generation 14Plus.
Danke.

17.02.2017, Johanna Gosten

Die verrückten fünf Minuten


Es ist Viertel nach 6, als wir das HKW betreten, doch schon jetzt hat sich eine kleine solide Menschentraube vor dem Einlass gebildet. Wir schlängeln uns durch zu Klara und setzen uns zu ihr. Mit der Zeit treffen immer mehr von uns ein, es wird voller, letzte Karten werden über das Meer von Menschen gereicht, damit sie rechtzeitig vor Einlass den Besitzer erreichen.
Die letzten Filmteams haben mittlerweile den roten Teppich verlassen, die Wartenden sich erhoben und in Lauerstellung begeben. Jede Geste des für den Einlass verantwortlichen Personals wird genauestens beobachtet. Noch ein letztes Mal wird abgeklärt, wie viele Sitzplätze blockiert werden müssen und schon geht es los. Der Run auf die besten Sitzplätze, welche auch immer damit gemeint sind - denn jeder scheint hiervon eine andere Interpretation zu besitzen - ist eröffnet. Wie immer wird sich bemüht, die rennende Meute zu entschleunigen, doch wie üblich schlägt dieser Versuch fehl.
Das letzte Hindernis: Die Türen mit den sich der Meute entgegenstellenden Einlassern. Allzu ungeduldig wird gewartet, bis die Karte gescannt wurde, dann wird weiter gerannt. Links oder rechts? Schnell, da ist etwas frei. Taschen, Jacken, Schals werden von sich geworfen. Was kann noch alles zum Reservieren der Plätze genutzt werden? Nun die erste Beruhigung. Die Plätze sind gesichert, müssen jetzt nur noch verteidigt werden.
Langsam tröpfelt der Rest ein.

17.02.2017, Sarah Gosten

Auf der Suche nach Geborgenheit

Donnerstag 17.00 Uhr, nach sechs Tagen intensiver Berlinale ist dem Publikum die Erschöpfung deutlich anzusehen, trotzdem ist jeder noch voll Leidenschaft und Vorfreunde dabei, als sich das Filmteam von „The Inland Road“ in dem Saal einfindet und der geliebte Berlinale-Vorspann ertönt. Der Film beginnt. Wir sehen eine lange Landstraße, links und rechts Graslandschaft Neuseelands, weit und breit nichts anderes. Am Straßenrand ein Mädchen, Anhalter. Wo will sie hin?

„The Inland Road“ erzählt die Geschichte des 16-Jährigen Maori-Mädchens Tia. Nachdem sie wegen eines Streites mit ihrer Mutter von zu Hause weggelaufen ist reist sie per Anhalter über die Südinsel Neuseelands – ohne größeres Ziel. Mal fährt sie hier ein paar Kilometer, dann beim nächsten und wiedernächsten, bis ein Autofahrer, der sie mitnimmt, die Kontrolle über seinen Wagen verliert und Tia in einen schrecklichen Autounfall gerät, bei dem nur sie und der Fahrer Will überleben. Da Tia keinen Ort hat, zu dem sie gehen kann, zieht sie auf unbestimmte Zeit bei Will und dessen Frau Donna ein, bei der Tias Anwesenheit von Anfang an Unbehagen auslöst. Doch trotzdem bleibt Tia vorerst und es entsteht eine innere Reise und Entwicklung, an deren Ende sie sich seit langem wieder geborgen fühlt und ein Umfeld und Ort hat, den sie gerne als ihr zu Hause bezeichnen würde, was auch an der 4-Järigen Nichte Wills liegt, für die Tia eine Art Mutterrolle übernimmt.

Vorsichtig werden an den Zuschauer die verschiedenen Charaktere herangeführt, die von Grund auf sehr kontrastreich sind, sich im Laufe der Geschichte aber austauschen, auf verschiedenen Ebenen begegnen und harmonieren. Zum einen ist dort das aus dem Norden stammende Maori Mädchen das gar nicht in die Welt, in die es eindringt, zu passen scheint. Denn hier herrscht der geordnete Alltag, Will und Donna, die bald ein Kind erwarten betreiben eine Farm und vertieft in den Aufbau eines Familienlebens. Der Tod von Wills Schwager, der den Autounfall nicht überlebte, bringt Ungleichgewicht in diese Ordnung, sodass alles durcheinander gewürfelt ist, aber trotzdem auf irgendeine Weise funktioniert.

Tia kümmert sich in dieser Zeit um die Tochter des Verstorbenen Schwagers und geht in der Rolle unglaublich auf, sodass ihre durch den Streit und Unfall gedämpfte Lebenslust wieder neu aufgeht. Außerdem kommt sie Will näher – was ebenfalls für neues Lebensgefühl sorgt, gleichzeitig aber eine Menge Verwirrung und Konflikte streut.
Durch „The Inland Road“ bekommen wir den inneren Konflikt eines Jungen Mädchens vermittelt, die sich verloren fühlt und nach Zugehörigkeit und heimatlichen Gefühlen sucht. Tia wird gespielt von Gloria Popata, die in ihrem ersten Film mit überzeugender schauspielerischer Leistung die Visions- und Hilflosigkeit der Protagonistin auf die Leinwand bringt.

Der Film findet genau das perfekte Mittelmaß zwischen der Konfliktdarstellung und einem schön anzusehenden Film. Obwohl das Thema eher traurig ist, hat der Film auch viele Momente, in denen man lachen kann und einem das Herz aufgeht. Dazu lässt er sich durch die tollen Naturaufnahmen Neuseelands und interessanten und abwechslungsreichen Einstellungen sehr gut schauen. Mit einer Länge von 80 Minuten ist der Film zwar relativ kurz, die Handlung außerdem relativ voraussehbar, aber ich konnte jede Minute genießen. Es gibt keine unnötig in die Länge gezogenen Stellen, trotzdem ist jede Szene genug ausgeschmückt.

Wie viele Generation Filme war auch „The Inland Road“ ein Low-Budget Film und wurde nur innerhalb von zwei Wochen gedreht. Die Hauptintention der Regisseurin Jackie van Beek war das Zusammenbringen mehrerer sehr unterschiedlicher Charaktere; während der Produktion hat sie auch noch Vieles verändert, so durften die Schauspieler beispielsweise auch viele Passagen selbst schreiben.
Ich finde Jackie van Beek ist ihrer anfänglichen Filmidee auf jeden Fall gerecht geworden und bringt dem Publikum die Situation der Protagonistin auf eine schöne Weise näher – „The Inland Road“ gehört damit unbedingt zu meinen Favoriten dieses Jahr!


English Version:

"The Inland Road" tells us the story of Tia, a 16-year-old Maori girl from North New Zealand, who hitch-hikes across the south of the island after she had a fight with her mother and ran away from home. When one car had an accident and Tia and the driver Will were the only survivors she moves to the farm of Will and his pregnant wife Donna for a little while.

Even if all characters are quite various (we have the young Maori girl on the one side, the future family with a regulated every day life on the other) they begin to talk with each other and harmonize over time. Especially Tia - who felt hopeless and alone before - finally sense affiliation and a feeling of home. Living on the farm she takes care of Wills four-year-old niece Lily, who opens Tias heart and soul. She also gets closer to Will, Tia becomes happier again – but it also brings up insecurity and conflicts.

The main actor, Gloria Popata, forceful brings the mixed feelings of a young girl who is searching for love and home on the screen. Combined with beautiful paintings of the landscape of New Zealand the film guides us softly across the story, also there are a few scenes where the audience can laugh and is touched from heartwarming conversations.

So for me the film is absolutely one of my favorites this year, the director Jackie van Beek finds a perfect way to tell a story of encounter new and various characters and the feelings of affiliation and security.

18.02.17, Clara Bahrs

Angdu


„Becoming Who I Was“ begleitet acht Jahre lang das Leben von Angdu und dem Dorfdoktor, den er liebevoll Onkel nennt, denn der kleine Junge Angdu ist ein Rinpoché. Das bedeutet, dass er in seinem früheren Leben in Tibet ein hoher buddhistischer Priester gewesen ist. Aus diesem Grund ist er jetzt schon in dem Dorf Ladakh sehr angesehen und wird von vielen verehrt. Jeder Priester braucht sein eigenes Kloster und Schüler, doch in ihrem Wohnort, gibt es keinen Platz mehr für Angdu, um die buddhistische Lehre zu studieren. Er muss also nach Tibet wandern, denn dort liegt seine wahre Berufung. Dabei steht ihnen der Konflikt zwischen Tibet und China im Wege, da die Chinesen keinen über die Grenze nach Tibet gehen lassen wollen.
Trotz all dem machen sich „Onkel“ und Rinpoché Angdu gemeinsam zu Fuß auf die Reise nach Tibet. Im Vordergrund steht hier allerdings nicht die Religion, sondern das besonders feinfühlige Verhältnis zwischen dem kleinen Jungen und seinem „Vater“.

Obwohl „Becoming Who I Was“ eine Dokumentation ist, fühlt man sich mitgerissen und berührt, weil man intime Momente zwischen den zwei Personen miterlebt. Sie wirken so authentisch, dass ich mich fragen muss, wie viel in diesem Film gestellt ist. Da die Dreharbeiten über einen so langen Zeitraum ausgeführt wurden, haben sich die beiden an die ständig begleitende Kamera gewöhnt.
Dieses wundervolle Miteinander fasziniert mich, denn zwischen Angdu und dem Dorfdoktor herrscht eine ganz besondere Mischung aus Respekt und Liebe. Der Rinpoché ist gegenüber ihm sehr dankbar, selbst für alltägliche Angelegenheiten, die für uns als selbstverständlich gelten. Zusammen haben sie genau so viel Spaß, wie Angdu mit seinen Freunden. Andersherum fühlt der Dorfdoktor intensiv für seinen kleinen Jungen, den er unter Obhut genommen hat. Er verehrt ihn als wiedergeborener Priester und möchte nur das Beste für ihn. Das geht teilweise so weit, dass der Junge mit 11 Jahren immer noch kein Feuer allein anzünden oder sich selbst etwas zum Essen kochen kann.

Man taucht hier wieder in eine komplett andere Kultur ein und erfährt vor allem etwas über den buddhistischen Glauben, obgleich er in diesem Film nur nebensächlich ist. So sehen es auch die koreanischen Regisseure, die beide dem Christentum angehören.

Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie ernst man sein vorheriges Leben nehmen kann, diese Vorstellung bedingungslos annimmt und Menschen so hoch ansieht.
Dadurch wurde Angdu viel behüteter erzogen und macht sich deswegen überaus empfindliche Gedanken vor ungefährlichen Aktionen, wie z.B. Schlittenfahren, was sehr nett anzuschauen ist.

Zudem haben mich die ästhetischen Panoramabilder sowohl aus dem nordindischen Gebiet Lakha als auch die der Natur bis nach Tibet, die sie durchqueren begeistert. Man sieht Wüste, Steinwege und wunderschöne schneebedeckte Berge mit klarem blauem Himmel. Es muss eine richtige Herausforderung gewesen sein, mit einem ganzen Kamerateam durch 40 cm hohen Tiefschnee zu wandern. Am stärksten ist mir das Bild von den Hauptdarstellern in Rückansicht mit roten tibetischen Trachten vor der unberührten, weißen Schneelandschaft geblieben.
Wenn man gerne aufmerksam die Beziehung zwischen „Vater & Sohn“ verfolgt, fühlt man sich auch keineswegs gelangweilt. Sonst besteht die Gefahr, „Becoming Who I Was“ als langatmig zu betiteln.

Ich möchte den Film besonders Menschen ans Herz legen, die sich eine berührende Dokumentation mit kontrastreichen, verschiedenen Landschaftsaufnahmen ansehen wollen!
17.02.2017, Eva Swiderski

Eine unscheinbare Krankheit

Im Gespräch mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern von Amelie rennt

Nach der Premiere von Amelie rennt, die das ganze Publikum begeisterte, hatten Liv und ich die Gelegenheit, uns mit dem Regisseur und den zwei Hauptdarstellern für eine kurze Zeit zu unterhalten.
Als wir in der italienischen Botschaft ankommen, herrscht großes Gewusel. Hier sind die Feierlichkeiten anlässlich der Filmpremiere im vollsten Gange. Umso glücklicher sind wir, dass sich die drei die Zeit für uns nehmen.
Im vorangegangenen Publikumsgespräch hatten wir bereits einige spannende Dinge über die Entstehung des Drehbuchs erfahren. Es war aus der persönlichen Erfahrung einer Mutter mit ihrem Asthma-kranken Kind, das sich partout nicht helfen lassen wollte, obwohl das doch so Vieles erleichtert hätte.
Zunächst gesellt sich der Regisseur, Tobias Wiemann, der bereits bei den Filmen Großstadtklein und Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen Regie geführt hatte, zu uns, wobei er sofort erst mal checkt, ob es seinem Baby gut geht, was ihn gleich sympathisch macht.
Er erzählt uns über seinen Weg zum Film, den er eigentlich so nie geplant hatte. Durch seine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton kam er zu einem Filmfestival und stellte hier fest “...dass die Menschen hier Geschichten erzählen und es tatsächlich Leute gibt, die sich dafür interessieren. Da dachte ich mir, das will ich auch.“
Von da an filmte er in seiner Freizeit mit Freunden, bis es schließlich immer größer wurde, seine Eltern Geld für die ersten Kurzfilme sammelten und er dann irgendwann sogar Spielfilme produzieren konnte.
Vor der Premiere von Amelie rennt war er sehr nervös, da natürlich unglaublich viel Zeit und Engagement in diesen Film geflossen ist. Man kann ihm auch jetzt noch, 2 Stunden nach Filmende, ansehen, wie erleichtert und glücklich er über die Reaktion des Publikums ist, das den Film mit einer solchen Freude aufgenommen hatte.
Nun stoßen auch die beiden Hauptdarsteller, Mia Kasalo, 14, die die Amelie spielt und Samuel Girardi, 16, der den Bart spielt, dazu. Mia hat bereits bei einem Film, der ebenfalls auf der Berlinale lief, „Das merkwürdige Kätzchen“, und in einigen weiteren Filmen, die im Fernsehen ausgestrahlt wurden, mitgespielt, während Samuel noch keinerlei filmische Vorerfahrung hatte. Es folgt ein nettes Gespräch.

fGR: Gibt es eine Szene, die für euch aus dem Film besonders heraussticht?
Samuel: Ich habe mich besonders mit der Wiederbelebungsszene beschäftig, da sie mir viel zu arbeiten gegeben hat.
Regisseur: Mich hat in dieser Szene vor allem die Reaktion des Publikums überrascht, weil ich einfach nie gedacht hätte, dass da gelacht wird.
Mia: Ja, das fand ich auch merkwürdig!
Liv, aus der Position des Zuschauers, versucht das zu erklären: Ich glaube das Publikum wusste, dass Amelie genau das machen würde, was sie nicht machen durfte und dass sie deshalb den Zaun anfassen würde. Und genau diese Annahme wurde bestätigt.
Samuel: Das gleiche war auch bei der Szene, als ich über meinen Onkel rede, der von einer Lawine verschüttet wurde. Da haben auch plötzlich alle gelacht.
Regisseur: Aber dann haben sie gemerkt, dass es eine ernste Geschichte wird und dann wurde es plötzlich ganz still. Das war so schön!

fGR: Welche Szene war denn am schwersten zu drehen?
Regisseur: Für mich war das die Szene auf der Wiese. Das war eine der ersten Szenen mit den beiden zusammen. Da war noch nicht klar, ob alles passt. Die beiden mussten sich erst kennenlernen und vertrauen. Das war nicht technisch schwer, sondern eher die Frage, ob der Film so funktioniert. Das war für mich ziemlich stressig.
Samuel: Ja, zurückblickend war die Spannung bei dieser Szene schon sehr hoch.
Regisseur: Gerade auch weil es für Samuel eine seiner ersten Szenen überhaupt war. Er hatte vorher noch gar nicht geschauspielert. Für mich persönlich ist es unvorstellbar, vor einer Kamera zu schauspielern, daher habe ich großen Respekt vor den beiden. Haben sie toll gemacht!

fGR: Gab es besondere Schwierigkeiten durch das Drehen in den Bergen?
Mia: Einmal hatten wir Probleme mit dem Wetter. Da sollte es eigentlich leicht sonnig werden und plötzlich mussten wir uns alle unter einem Felsen verstecken, aber das war eigentlich auch ganz lustig!
Samuel: Für mich war es schon ein Vorteil, dass ich das Ambiente gewöhnt bin. Ich könnte es mir nicht vorstellen, in einem Studio drehen zu müssen.
Regisseur: Ich kann eigentlich überall filmen, aber ich muss sagen, dass ich kein sonderlich großer Freund von den Bergen bin. Wenn ich Urlaub mache, dann lieber am Meer. Ich fand es in Bozen, auf allen Seiten von Bergen umgeben, sehr beengend. Also nur gut, dass wir häufig so weit oben gedreht haben.

fGR: Hattet ihr vorher schon Kontakt zu der Krankheit und hat der Film eure Sichtweise auf Asthma geändert?
Samuel: Meine Mutter hat tatsächlich Asthma, aber sie kommt mit der Krankheit gut klar. Ich weiß das eigentlich schon seit ich klein bin, aber mir ist nur hin und wieder aufgefallen, dass sie ihr Spray nehmen muss. Ansonsten geht es ihr gut, sie wandert auch sehr häufig auf die Berge und hat fast eine bessere Kondition als ich.
Mia: Mir war Asthma davor bekannt, aber ich wusste nicht so viel darüber. Für den Film habe ich viel recherchiert und wir haben einige Übungen gemacht, die mich mit der Krankheit ein wenig vertraut gemacht haben, aber letztendlich kann ich es natürlich nicht so wahrnehmen, wie Kinder, die wirklich darunter leiden.
Regisseur: Ich kannte Asthma davor nicht, es hat mich aber gleich sehr interessiert, als ich das Buch bekommen hab. Also habe ich einen Lehrgang mitgemacht, bei dem auch Kinder mit Neurodermitis dabei waren. Das hat mich sehr beschäftigt, vor allem wie sehr sie damit zu kämpfen haben und dass es so eine Kopfsache ist.
Mia: Ich hab auch gelesen, dass viele Kinder in meinem Alter, die Asthma haben, tatsächlich sehr ähnlich auf die Krankheit reagieren wie Amelie. Also mit dem Verschweigen und Ignorieren.
Samuel: Ich denke, die Stärke des Asthmas macht auch etwas aus. Viele sind sicherlich nicht im gleichen Maße betroffen wie Amelie.

fGR: Seid ihr beiden denn jetzt befreundet?
Mia: Ja, aber er wohnt in Italien und ich wohne in Berlin...
Samuel: Ja, ich wohne in Bozen, einer relativ kleinen Stadt mit hunderttausend Einwohnern.
Regissuer: Aber Samuel ist der Stadtmensch unter den Südtirolern!
Samuel: Ja, das kann man sogar so sagen! „Boah du warst in Berlin!“

fGR: Wurde die Kuh denn wirklich mit dem Helikopter abtransportiert?
Mia: Ja, das haben wir uns auch gefragt! Eine Frau hat sich danach erkundigt und wir wussten es selber nicht.
Regisseur: Nein, das wurde animiert. Aber die Kuh war tatsächlich oben auf dem Berg und wurde auch trainiert, um über das Feuer zu springen. Sie wurde in einem Hänger nach oben gefahren. Die Feuer auf den Bergen waren übrigens auch animiert.

Nach ein bisschen Berlinale-Smalltalk, in dem Mia und Samuel uns verraten, dass sie auch schon in einem anderen Film auf der Berlinale waren, wünschen wir ihnen noch einen schönen weiteren Premierentag und nach einem gemeinsamen Foto geht es für uns auf zum nächsten Film.

17.02.2017, Sarah Gosten