Das Mahlwerk der Anpassung

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Ein Interview mit der Regisseurin und dem Produzenten von Güvercin

Nachdem wir den türkischen Film Güvercin erst am zweiten Samstagabend der Berlinale hatten sehen können, wussten wir es sehr zu schätzen, dass das Filmteam – leider mit Ausnahme des Hauptdarstellers - noch vor Ort war. Dank der höchst engagierten Pressesprecherin Lena hatten wir noch einen Interviewtermin für den letzten Nachmittag, den Sonntag, festlegen können und so setzten Liv und ich uns nach dem finalen Screening im CinemaxX noch für eine halbe Stunde mit der Regisseurin Banu Sıvacı und Produzenten Mesut Ulutaş zusammen. Beide waren sehr offen und durch die Übersetzungsleistung Mesuts kam es zu einem aufschlussreichen Gespräch.


fGR: Da Güvercin Ihr erster Spielfilm ist, ist Ihnen die Thematik sicherlich sehr wichtig. Was hat Sie dazu inspiriert?
Banu Sıvacı: Mein erster Inspirationspunkt lässt sich an einem Vogelzüchter, den ich in meiner Kindheit häufig gesehen habe, festmachen. Ich komme ursprünglich aus Adana, der Stadt, in der auch der Film spielt. Dort gibt es diese speziellen Menschen, die Taubenzüchter, recht häufig, wodurch sich auch ein großer Teil meiner Inspiration aus meiner Kindheit speist.
Die Vogelzüchter lassen sich vor allem in ärmeren Gegenden finden, sowohl in Städten als auch in ländlicheren Regionen. Tatsächlich, wie Produzent Mesut an dieser Stelle ergänzt, soll es wohl auch mehrere Vogelzüchter in Berlin geben, wie ein Taxifahrer ihnen erzählt hatte. In Städten sei es einfach, einen kleinen Unterschlupf mit einem Dach zu finden. Viel mehr sei zum Halten der Tiere gar nicht notwendig.
Im Sinne des Films stehen die Tauben für die außergewöhnlichen Träume der Menschen, deren außergewöhnliche Geduld und die Freiheit.

Ihr Film handelt von einem jungen Mann, der nicht in sein Umfeld passt. Sie haben sich dafür entschieden, keine weiteren intimen Beziehungen als die zu seinen Tauben darzustellen. Wieso?
Dafür gibt es eine Untergeschichte, auf die wir im Film nicht weiter eingehen. Tatsächlich wurden Yusuf die Vögel von seinem Großvater vererbt. Da seine beiden Eltern verstorben sind, sind die Tauben die einzige Verbindung, die noch zu der Erinnerung einer glücklichen und vollständigen Familie besteht. Bruder und Schwester können ihm nicht das geben, was die Eltern sonst für ihn gewesen wären. Das Dach mit seinen Vögeln ist sein Rückzugsort von dem Fehlen eines Sinns in seinem Leben, er fühlt sich dort oben wohl, mag die Höhe und den Abstand von anderen. Zusätzlich traut er es niemandem sonst zu, sich um die Vögel zu kümmern, bedeuten sie doch alles für ihn.
Hierzu muss ich aber sagen, dass Yusufs Verhalten nicht das typische Verhalten eines türkischen Mannes wiederspiegelt. Normalerweise sind die Jungs eher Machos, arrogant oder Draufgänger. Wir haben unseren Hauptcharakter bewusst anders aufgestellt, was ihn auch vor eine andere Herausforderung stellt: die Herausforderung, ein Mann zu werden (oder was andere von einem Mann erwarten).

In Ihrem Film kritisieren Sie außerdem die schlechten Arbeitsbedingungen, denen wehrlose Arbeiter ausgesetzt sind unter dem Druck ihre Familie ernähren zu müssen. Wie gliedert sich das in den Film ein?
Das ist natürlich ein Problem, dass es überall auf der Welt gibt, aber in Adana ist das leider sehr üblich. In meiner Kindheit habe ich das häufig miterlebt und vor allem auch, dass Jugendliche solchen Umständen ausgeliefert sind. Es passt zu meinem Film, weil es eine weitere Herausforderung auf dem Weg zum Mannwerden ist. Man muss auch hart arbeiten können. Das ist die erste Aufgabe, der sich unser Protagonist stellen muss.

Dies ist das Stichwort für unsere nächste Frage: Die Worte „No pain, no gain“ (zu deutsch: Ohne Fleiß kein Preis) fallen sehr häufig. Nun sind das natürlich nur die englischen Untertitel, aber können Sie uns erklären, wo das herkommt und was genau es bedeutet?
Wir finden, dass das tatsächlich eine ziemlich clevere Übersetzung für das türkische „Çalışmayana para yok” ist, was auch so in Dialogen häufig gebraucht wird. Die direkte Übersetzung ist, „Für den, der nicht arbeitest, gibt es auch kein Geld“, was es so aber im Englischen nicht gibt. Die Aussage von „No pain no gain“ kann aber durchaus auf Yusuf projiziert werden, weil er auch daran glaubt, dass er hart arbeiten muss, da es sein Bruder ihm so vorlebt. Diese Worte treffen also genau die zugrunde liegende Geschichte, ein Mann zu werden.
Außerdem wollte ich das Thema vom Arbeiten miteinbeziehen, weil es mir wichtig ist zu verdeutlichen, dass man, wenn man anfängt zu arbeiten, auch etwas von sich selbst verliert. Wenn man einen Traum hat und beginnt zu arbeiten, muss man zwangsläufig seinen Traum aufgeben – zumindest einschränken -, wenn man durch das Mahlwerk der Anpassung getrieben wird.
Die Gesellschaft erlaubt es Yusuf nicht, seinen Traum zu verfolgen. Er verbraucht nicht allzu viel, isst nicht zu viel, ihm geht es gut. Warum kann man es nicht einfach dabei belassen?
Aber nein, er soll ein Mann werden. Wir bedrängen ihn, arbeiten zu gehen, Geld zu verdienen und seine Vögel zu verkaufen, da Vogelzüchten als Krankheit angesehen wird. Ich wollte darstellen, wie schnell einen die Gesellschaft unter Druck setzt.

Zum Thema von Träumen und dem Druck der Gesellschaft: Wie sieht die Situation von Filmemachern in der Türkei aus? Mussten Sie schon Träume aufgeben?
Wenn man sich in diese Situation begibt und Regisseurin werden möchte, gerät man in die gleiche Situation wie unser Hauptcharakter. Du hast einen Traum, aber genauso gibt es einen Traum deiner Eltern, Freunde und Verwandten und diese Träume müssen nicht alle gleich geschweigedenn kompatibel sein.
Der Anfang ist am schwersten, gerade zu entscheiden, dass man sich jetzt wirklich an einem eigenen Film versuchen möchte. In der türkischen Filmindustrie ist es sehr schwer Geld zu verdienen, wodurch es leider nicht der sicherste Job ist. Außerdem fühlt es sich manchmal wie ein leerer Traum an, da ich immer die Unterstützung und Genehmigung vom Kulturministerium brauche, um überhaupt Fördermittel zu erhalten, ohne die die Produktion eines Films undenkbar wäre.
Wie dem auch sei, Güvercin wird dann im März auf dem Sofia Film Festival gezeigt und auch andere Filmfestivals sind interessiert. Darüber sind wir natürlich sehr glücklich.

Der Film ist sehr visuell und lebt eher von Situationen und der Atmosphäre, die geschaffen wird, als einem überladenen Handlungsstrang. Warum haben Sie sich für diese Art der Darstellung entschieden?
Ich wollte nicht einfach nur eine Geschichte erzählen, ich wollte auch, dass das Publikum es fühlt. Dafür muss man sich dem Schaffen einer besonderen Atmosphäre bedienen, da andere Sinne wie der Geruch unmöglich angesprochen werden können. Es ist also in meinen Augen wichtiger, die Dinge zu hören, als sie zu sehen und dementsprechend einen großen Fokus auf die Geräusche zu legen.

Das stimmt. Gerade vom Filmanfang sind uns die Geräusche der flügelschlagenden Vögel noch gut in Erinnerung. Mussten Sie sich besonders auf den Dreh mit den Vögeln vorbereiten, um eben diese Geräusche und die Tauben in ihrer natürlichen Umgebung am besten einzufangen?
Wir hatten tatsächlich den eigentlichen Vogelzüchter – Vogeltrainer um genau zu sein – mit an Set. Ihn hatten wir immer hinter der Kamera stehen, um die Vögel mit den gleichen Bewegungen wie im Film gezeigt anzulocken. Zu Beginn der Dreharbeiten war das aber ziemlich schwer, da die Vögel sich noch nicht an die schwarze, reflektierende Box der Kamera gewöhnt hatten und ihr nicht trauten. Die ersten paar Male haben sie sich daher nicht nah genug herangewagt und wirkten auch nicht entspannt genug. Also führten wir die Kamera gemächlich in Umgebungen ein, in denen sie sich wohlfühlten, bis sie sie schließlich gänzlich akzeptierten.
Maverdi, Yusufs Lieblingstaube, haben wir tatsächlich seit sie 2 Monate alt ist dabei, sie wurde also im Verlauf der Entstehung des Films mit großgezogen. Die Szenen zwischen ihr und Yusuf sind für mich am wertvollsten, da das einfach nur die innige Zuneigung zwischen den beiden wiederspiegelt. Kemal ist wirklich ein großartiger Schauspieler und guter Freund. Ich mag es sehr, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Güvercin ist auffallend in bläulichen Farben dargestellt. Warum ist das so?
Ihr seid tatsächlich die ersten, die mich darauf ansprechen! Ich habe einen Abschluss in den Bildenden Künsten mit dem Schwerpunkt Malerei gemacht. Das hat mich so geprägt, dass ich meine Erkenntnisse gerne nutzen wollte. Daher: Bläulicher Hintergrund um im Vordergrund dann warme Hauttöne oder zum Beispiel Rottöne zu nutzen, um einen stärkeren Kontrast und mehr Tiefe zu schaffen. Aber blau ist tatsächlich auch meine Lieblingsfarbe.

Nachdem wir noch ein gemeinsames Foto geschossen haben, verabschieden Liv und ich uns nun und machen uns auf den Weg in den letzten Film der diesjährigen Berlinale, das aufschlussreiche Gespräch noch im Hinterkopf.


01. März 2018, Sarah Gosten



“When you start working you lose something of yourself”

An Interview With the Director and Producer of Güvercin

Having watched Güvercin on Saturday evening we were lucky that the film team was still in Berlin on the last day of the Berlinale. Thanks to their press officer Lena who was truly dedicated Liv und I managed to sit down with them after their final screening on Sunday in the CinemaxX. The main actor, Kemal Burak Alper, having already departed we had an eye-opening conversation with the director Banu Sıvacı and her producer Mesut Ulutaş who had agreed to translate her answers, every now and then adding something for himself.


fGR: As Güvercin is your first feature film we can guess that it is of most importance for you. So, what was your inspiration for this first movie of yours?
Banu Sıvacı: The first point of my inspiration was a bird breeder I used to know in my childhood. I used to live in Adana, the city I show in the film. I was born there. In this area of Turkey you can actually find this special type of men, so a lot of inspiration for my film came from the experiences I made as a child.
Pigeon breeders can especially be found in poorer areas. However, you can also always find them in cities and urban environment. As a matter of fact, adds producer Mesut Ulutaş to his translation, did a cab driver tell them that even a few bird breeders exist in Berlin. In city areas it is rather easy to find a small cage and a roof where you can keep the birds and that is all you need to start.
In the sense of the film the pigeons stand for mankind’s extraordinary dreams, extraordinary patience and freedom.

Your film is about a young man who seems to be out of place. You chose to not portray any other intimate relationships to humans, only those to the birds. Why did you decide so?
There actually is an underlying story to it. The birds have been passed on to Yusuf from his grandfather. As his parents have passed away – which we do not further explain in the film – these pigeons display the only connection to his parents and his grandfather. His brother and sister both cannot raise him the way a father and mother would have. The rooftop with the birds is his refuge from the lack of meaning in his life, as he feels safe up high. He also does not trust anyone else to care for the birds as they mean so much to him.
Yusuf’s behaviour is not how a typical Turkish man would behave. Turkish men are machos, arrogant, show themselves as hooligans etc. So we are placing our character completely different. This also imposes another challenge on him: The challenge of being a man.

You also criticize the bad working conditions people have to commit to in this small town since they do not have any other possibility of earning enough money for their families. How did this come into place?
That is the problem of the whole world but especially in Adana it is rather common. In my childhood I had to see many examples of that and also that young people had to work in very unsafe conditions. This actually is one of the challenges of being a man: You have to work. It is the first challenge Yusuf has to face.

Speaking of working: The saying “No pain no gain” is repeated multiple times in the film. We don’t know what it means in Turkish but does this saying actually exist and what does it mean and where does it come from?
We think it is quite a clever translation of our saying “Çalışmayana para yok” which we also use in normal dialogs. The direct translation is “There is no money for someone who does not work” but in that sense it does not exist in the English language. “No pain no gain”, however, somehow can be attributed to Yusuf as he also believes that he has to work due to his brother telling him so. So, the saying “No pain no gain” is the slogan for the underlying story of having to work in order to become a man.
I also wanted to include the topic of having to work because I believe that if you have a dream and you start working you lose something of your dream and your soul, as you have to put yourself, metaphorically speaking, through a grinder, also in your artistic ways. The society does not allow our character to lead a different life than what is expected of him. He actually does not spend much, he does not eat too much, he is fine. Why can’t we leave him there? We push him by saying you have to be a man, you have to work, you have to sell the pigeons, as bird breeding is a sickness. I wanted to show how easily society can pressure you to be uncomfortable.

On the topic of dreams and losing them when starting to work, how is the situation of film making in Turkey? Did you have to give up on some of your dreams?
When you try to put yourself in the position of a director, trying to make a movie, the same situations happening to Yusuf happen to you. You have a dream but it is also somehow a dream of your parents and your friends and these dreams might be different.
Beginning to make a film is hard, especially deciding to become a director. It is hard to earn money in Turkey’s film industry so it is not the most secure job. It feels like an empty dream, as I cannot shoot this film without the ministry of culture’s approval and funds.
However, Güvercin will now proceed to be shown at the Sofia Film Festival and some other film festivals around the world are interested as well, which we are happy about.

The movie is very visual creating an atmosphere rather than telling a story or specific plot. Why did you choose to tell the story in such an atmospheric way?
I did not just want to tell a story, I wanted the audience to feel it. You can only achieve this by creating a specific atmosphere, since you cannot put a smell in the movie. It is more important to hear the story rather than seeing it.

We realized that especially in the beginning with the birds flapping their wings. Did you have to prepare yourself differently to capture the pigeons in the best possible way?
We had the actual bird breeder - pigeon trainer actually - on set. So whenever we wanted the birds to land, we had him standing behind the camera telling them to come there. It was quite hard in the beginning because the birds did not trust the big black reflecting box of a camera. The first few times they did not come close enough. So, we first had to shoot some other scenes in the birds’ natural habitat where they felt comfortable, in order to get them used to the camera. Only then we were able to shoot the rest.
Maverdi, Yusufs favourite, was actually only bred for four months at the time we were shooting and we got her when she was only two months old. The scenes between Yusuf and Maverdi are the most valuable ones for me because they capture the true love between them. Kemal, in fact, is a great actor and I truly appreciate his work. He is hard working and actually happens to be an old friend of mine.

There is an over-presence of the colour blue, especially in the beginning. Is there a reason for that?
You are actually the first to realize and ask me this. So, I graduated from the Art painting school. Having this experience in mind I wanted to put blue colours in the background and use warm colours, like skin tones or red, for the foreground to create more depth as a perspective means. However, blue is also my favourite colour.

Thank you so much for this interview! It was a pleasure talking to you!

1st March 2018, Sarah Gosten

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