„Wir sind wie der Joghurt hier, unser Verfallsdatum ist am 20.“


Mit Theo und Mag treffen zwei Charaktere aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Er ist eher schüchtern und in sich gekehrt, während Mag sehr kontaktfreudig, direkt und kommunikativ ist. In der Szene, in der die beiden das erste Mal aufeinander treffen, lernen sich nicht nur Mag und Théo, sondern auch Anthony und Rose-Marie, die Schauspieler von "Les Faux Tatouages", das erste Mal kennen. In einem ungewöhnlich langen Take von achteinhalb Minuten ist nur der Beginn vorgegeben, der Rest ist improvisiert und „echtes“ Kennenlernen.

Im Laufe des Films verfolgt der Zuschauer, wie die Beziehung der beiden wächst und sie immer vertrauter miteinander werden. Das hat zur Folge, dass auch Theo viel aufgeschlossener und unbeschwerter wirkt als zuvor. Neben diesen langen Takes und Weitwinkelperspektiven, setzt der Regisseur Pascal Plante Akzente durch die Farbgebung. In den Szenen, in denen es Theo gutgeht und er mit Mag zusammen ist, sind die Töne sehr hell, klar und rötlich gehalten. Wenn Theo allerdings nach Hause kommt, wechseln die Farben in dunklere schwarz-weiß Töne, die die Atmosphere, die bei ihm Zuhause herrscht, widerspiegeln. Auch, wenn Théo zu seiner Mutter kein sonderlich gutes Verhältnis zu haben scheint, geht er mit seiner Schwester sehr unbekümmert und ehrlich um. Die Kolorierung war Plante, wie er im anschließenden Publikumsgespräch erzählt, äußerst wichtig. Als in einer Szene zufällig ein blaues Auto vorbei fuhr, ließ er sie allein aufgrund der unpassenden Farbe neu drehen.

Auch die musikalische Inszenierung wird voll ausgeschöpft. Ob punkige Rockmusik, Popmusik von Beyoncé, französische Chansons oder eingängige Blues-Songs -es ist für jeden Musikgeschmack etwas dabei. Auffällig ist, dass auch die beiden Protagonisten hauptsächlich T-Shirts von verschiedenen Bands tragen.

Nach und nach kommt der Zuschauer auch Théos Vergangenheit auf die Spur. Seit einem gemeinsamen Autorennen, das ganz zu Anfang des Films angedeutet wird, sitzt sein Freund Kevin im Rollstuhl. Allerdings stellt der Regisseur den persönlichen Hintergrund von Theos Charakter bewusst nicht in den Mittelpunkt. Der Hauptfokus liegt nach wie vor auf der Romanze zwischen Mag und Theo.

Plante zeichnet mit seinem Film keinesfalls eine klischeehafte, idealisierte Liebesgeschichte. Er legte großen Wert darauf, eine zeitgenössische und universale Liebesgeschichte zu erzählen, die dem Publikum die Möglichkeit gibt, zu reflektieren. Dies wird auch durch die flüssigen, natürlichen Dialoge deutlich. Ebenso durch die Sprache, die bestehend aus einem mit englischen Vokabeln durchzogenen Französisch wahrheitsgetreu an die Jugendsprache in Montreal angelehnt ist. Da beide Schauspieler gebürtig aus der Nähe Montreals stammen, fiel es ihnen ganz besonders leicht, die Dialoge zum Leben zu erwecken. Auch die Chemie zwischen den beiden war von Anfang an vorhanden, weswegen viele Szenen verhältnismäßig schnell abgedreht werden konnten -was bei einem Low-Budget-Film kein unwesentlicher Faktor ist.

Den Rahmen der Handlung bildet Daniel Bélangers Chanson „Sèche Tes Pleurs“, den Mag in einer der ersten Szenen für Théo auf der Gitarre spielt und dazu singt und in der letzten Théo für sie. Die Tattoos selbst sind kaum Bestandteil der Handlung. Bis auf das unechte Klebe-Tattoo, das Mag auf Théos Arm bemerkt und das Tattoostudio, in dem Théo gegen Ende des Films aushilft, gibt es keine weiteren Referenzen. Wie uns die beiden im anschließenden Interview erzählen, haben sie tatsächlich kein einziges Tattoo. Für Rose-Marie („Mag“) ist die Vorstellung, etwas auf ihrem Körper zu haben, das nie wieder abgeht, sogar sehr despektierlich.

Abschließend ist zu sagen, dass Regisseur Pascal Plante genau wusste, was er wollte und stets eine sichtbar genaue Vorstellung davon hatte, wie sein Film zu sein hat. Die Schauspieler hat er bewusst nur zu einem bestimmten Grad improvisieren lassen, um Natürlichkeit und Authentizität zu bewahren.

In Anlehnung an seine eigene Jugend hat er es geschafft, ein intimes Bild von der flüchtigen Beziehung zweier gegensätzlich anmutender Charaktere zu zeichnen.



Vivien Krüger, 26.02.18

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