Eine Berlinale ohne Maryanne Redpath - geht das überhaupt?

Die gebürtige Neuseeländerin hat schon früh den künstlerischen Weg eingeschlagen. Nach ihrem Studium mit dem Schwerpunkt Kunst- und Theaterwissenschaften, arbeitete sie als Multimedia-Performance-Künstlerin, Theatertechnikerin und -lehrerin in Sydney. Dort unterrichtete sie unter anderem auch Aboriginal-Kinder und –Jugendliche. Nach zahlreichen Eigenfilmproduktion und dem Mitwirken an einer australischen Kinderfernsehserie, brachte sie ihre Liebe zum Film gleichermaßen wie ihre Leidenschaft, mit Kindern zu arbeiten, schließlich in die deutsche Hauptstadt. Seit 1993 ist Redpath nun für die Berlinale tätig und seit neun Jahren die Leiterin und Kuratorin der Sektion Generation.
Wir haben sie für Euch direkt vor der Preisverleihung von 14Plus in der Lounge der Schwangeren Auster getroffen und ein wenig mit ihr über die Berlinale geplaudert.

fGR: Wie sieht dein typischer Tagesablauf während der Berlinale aus?
Maryanne: Meistens muss ich ab 8.30 Uhr auf der Matte stehen, um beispielsweise Filmteams kennenzulernen, ein Interview zu geben oder mich um ein Problem zu kümmern. Ich verbringe auch sehr viel Zeit in Taxis (lacht). Für mich sind die Kinos wie ein Dreieck, zwischen denen ich andauern hin und her pendele: Zoopalast, Cinemaxx, Haus der Kulturen der Welt, dann wieder zum Zoo zurück und so weiter. Aber das kennt ihr ja auch. Im Moment stehe ich nicht so oft auf der Bühne, weil wir so ein großes Programm haben. Ich lerne aber jedes einzelne der 62 Filmteams kennen, plus die Teams der Sondervorstellungen. Und das ist auch etwas, was mir sehr wichtig ist. Die Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen über ihre wunderbaren Filme auszutauschen. Dabei entstehen so viele magische Momente. Die meisten sind super begeistert, besonders vom Publikum, aber auch vom eigenen Team oder von den anderen Vorstellungen. Die Q & A’s sind auch immer wieder ein Highlight für beide Seiten. Das Feedback, das die Filmemache dabei bekommen, ist so schön direkt und so schön ungefiltert. Ich moderiere außerdem die beiden Eröffnungen und die Preisverleihungen von K- und 14-Plus. Es gibt also sehr viele Dinge zu organisieren.

Ab wann beginnen bei Euch die Vorbereitungen?
Ab September geht es normalerweise los. Im Sommer hat man ein paar Monate, in denen es relativ ruhig ist und man ein bisschen Zeit hat, zu atmen. Allerdings kann es auch schon mal vorkommen, dass bereits im Juli die „Early Birds“ kommen, also quasi die allerersten Filme eingereicht werden. Außerdem gibt es ja auch eine Menge andere Filmfestivals, gerade in Europa und da kann es auch schon mal sein, dass ich einen Film unbedingt haben möchte und ein anderer Filmfestivalveranstalter aber auch. Da muss dann immer so ein bisschen gedealt werden, das braucht auch seine Zeit.

Das heißt, man darf wirklich immer nur an einem Festival teilnehmen?
Nein, das nicht. Es gibt zwar gewisse Richtlinien was den Premierestatus eines Films angeht, insbesondere bei europäischen Premieren, aber ansonsten ist es den Filmemachern überlassen, auch an anderen Filmfestivals teilzunehmen. Die Richtlinien der Berlinale sind eigentlich ganz einfach: die Filme müssen ganz neu sein. Mittlerweile feiern sehr, sehr viele Filme ihre Weltpremiere bei uns. Das freut mich sehr, denn das bedeutet, dass alle Leute, die in so einem Film mitwirken, noch ganz frisch dabei sind. Da ist dann auch meistens ein noch größeres Presseaufgebot.

Wie viele Filme guckst du persönlich? Hast du da eine ungefähre Zahl im Kopf?
Ich fürchte, nein, die kann ich euch nicht nennen, weil die Vorbereitung immer phasenweise geht. Ich würde sagen bis Mitte Januar habe ich dann auch sehr, sehr viele Filme gesehen. Wir haben auch ein Auswahlgremium, die gewisse Vorentscheidungen treffen. Also deren Job besteht quasi darin, nichts anderes zu machen, als den ganzen Tag Filme zu schauen. Ich bin da auch sehr oft mit dabei, aber oft muss ich mich auch um andere organisatorische Dinge kümmern. Also es gibt so einen Filterprozess des Auswahlgremiums. Erst müssen sie sich den Film anschauen und dann diskutieren, ob das ein Film für unser Programm sein könnte. Dann beraten sie sich untereinander und anschließend mich. Ich schaue mir die Empfehlungen dann an und habe letztendlich das Schlusswort. Das Gute ist, dass sie mir vorher immer genau sagen, in welcher emotionalen Verfassung ich sein muss, um diesen Film zu sehen. Das hilft ungemein. Das habt ihr leider nicht.

Wie kommt das Programm dann zustande?
Also nachdem wir die Auswahl getroffen haben, „grooved“ sich das alles eigentlich immer ganz von alleine ein, sagen wir immer. Also es gibt im Prinzip zwei Phasen. In der ersten wählt man sehr viel aus und lädt ein und dann gibt es wieder Phasen, wo man eine sogenannte Warteliste aufbaut. Manchmal ist diese Warteliste sehr lang und dann kommen meine Kollegen zu mir und sagen, Maryanne, du musst jetzt ein paar Entscheidungen treffen. Und da haben sie natürlich Recht, weil es immer einen Rattenschwanz von Arbeit gibt, die dann an jeder Einladung hängt. Und Ende der ersten Januarwoche steht dann das offizielle Programm. Danach programmieren wir die Kurzfilme, Pressemeldungen müssen herausgegeben werden und das Programm wird natürlich veröffentlicht. Und dann geht’s los!

Wie geht ihr mit den Filmteams um, die es nicht geschafft haben?
Das ist natürlich immer keine schöne Nachricht. Wir versuchen aber gerade deshalb höflich und so einfühlsam wie möglich zu verkünden, dass ihr Film es leider nicht ins Programm geschafft hat. Selbstverständlich ist das immer eine sehr, sehr große Enttäuschung für viele Filmemacher. Jeder Film wird mit sehr viel Liebe gemacht und der Zeit- und Geldaufwand ist natürlich auch ein großer Bestandteil ihrer Arbeit und die Hoffnung ist groß, wenn man einen Film einreicht bei der Berlinale. Aber wir müssen es leider machen. Früher habe ich die Ablehnungen auch immer selbst gemacht, aber jetzt nicht mehr. Wir sagen auch nicht, „dein Film wurde abgelehnt“, wir sagen „dein Film ist nicht ausgewählt“.

Was wäre denn ein Ausscheidekriterium?
Das können ganz unterschiedliche Gründe sein. Wenn der Film zum Beispiel nicht ins Programm passt. Wir legen sehr großen Wert auf die Vielfältigkeit unseres Programms. Gerade dieses Jahr gibt es in K- und auch 14-Plus sehr viele Dokumentarfilme, Animationsfilme, Featurefilme und Fiktion, die alle nebeneinander im Programm stehen. Das ist auch eine schöne Arbeit für mich als Kuratorin, jedes Jahr aufs Neue zu sehen, wie viele unterschiedliche Genres und Arten von Filmen wir zeigen. Aber das bedeutet auch, dass ich bei der Programmerstellung abwägen muss, gibt es diese Art von Film schon einmal oder auch nicht und dann schaue ich auf der Warteliste, ob es einen Film gibt, der diese Lücke schließen kann. Und so entsteht ein Programm. Es gibt also keine konkreten Gründe, die ich jetzt benennen könnte, weil diese Entscheidung letztendlich immer von den Konkurrenzfilmen, also vom behandelten Thema, dem Genre oder dem Land, abhängig ist. Ich picke mir dann einfach das heraus, wo ich glaube, dass es mal ein bisschen was anderes ist und wo es nicht immer nur um die gleichen durchgekauten Themen geht.

Was muss ein Film haben, um ins Programm aufgenommen zu werden?
Wir diskutieren viel in Gremien über die Filme und über die Auswahl und es kommen so viele verschiedene Blickwinkel zusammen, dass macht die Sache so spannend. Es geht nicht nur um feste Meinungen. Man muss da ganz offen sein.

Haben sich die Themen im Laufe der Jahre geändert?
Die Themen ändern sich von Jahr zu Jahr. Natürlich verändert sich die Technik, aber auch die Inhalte. Ich kann gut argumentieren, warum ein Film ins Programm kommt oder er es nicht schafft. Es geht fast immer um die Liebe, Coming of Age, über den ersten Kuss und über all diese Dinge, die zum Erwachsenwerden dazugehören.
Wir scheuen uns vor kaum etwas. Großes Vertrauen haben wir in Euch, die jungen Zuschauer. Unser Ziel ist zu fordern, nicht zu überfordern.
Vor Jahren hatten wir zum Beispiel einen schwedischen Film im Programm, den ich sehr solide fand. Ein richtiger Jugendfilm. Da war alles drin: Er war ein bisschen hart, es ging um Sex, Liebe und eine dysfunktionale Familie. Später kamen Jugendliche zu mir und meinten: „so ein Film ist Standard bei uns im Kino, auf dem Festival möchten wir etwas anderes sehen.“
Es ist eine Reise, auf der wir voneinander lernen. Ich weiß natürlich nicht alles, was Euch durch den Kopf geht, aber ich kann mir einiges vorstellen. Und deshalb ist ein Feedback auch so unheimlich wichtig für mich.
Nach dem Festival brauche ich einige Zeit, um die Emotionen und Eindrücke gut zu verarbeiten. Eure Reportagen lese ich dann auch immer mit Vergnügen.

Maryanne, wir danken Dir für dieses Interview.

26.02.2017, Moritz Palma und Vivien Krüger

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